THE FUTURE OF VIRTUAL ARCHITECTURE  
   
   
   
   
 
   

Interview mit Joe Carlos, Virtual Architect

Joe Carlos wurde im August 2005 auf der Help-Insel geboren. Eine Woche später zog er in das Neubaugebiet Mi und mietete ein Grundstück, wo er seitdem haussiert. Carlos arbeitet als freischaffender Architekt in der Computer generierten virtuellen Welt Second Life.

 
   

Realer Reporter:
Guten Tag Herr Carlos. Es wird und wurde viel geschrieben über den Cyberspace. Wie ist er denn nun in echt? Sie als Experte des Raumes müssen das ja wissen.

Virtueller Architekt:
LOL. Ich verstehe ihre Frage nicht. Na ganz normal eben. Schauen sie sich einfach um.

RR:
Es gibt sehr viele Theorien und Definitionen über den Raum. Philosophie, Wissenschaft und Kunst sind sich da, milde gesagt noch nicht einig. Wahrscheinlich ist es so dass der Raum- wie wohl auch der Zeitbegriff konstruierte Begriffe sind, die von vielen Disziplinen als gegeben hingenommen wurden. Der Raum war bei Kant ein Gegenstand der Philosophie und Kant sagte er sei ein Begriff der Erkenntnis, den wir als Erkenntnisform in die Natur hineintragen und nicht herauslesen haben. Oder nehmen wir Anton Zeilinger der soweit geht und sagt Raum und Zeit wären mentale Konstruktionen, die man nicht einmal so akzeptieren müsste.

VA:
Na dann haben wir es hier zum Glück viel einfacher. Man weiß hier ganz genau was die Realität ist. Wir sind hier in einer Computer generierten 3D Welt die von mehreren Computern erzeugt wird. Dem zugrunde liegt ein kartesisches Koordinatensystem, so ist jeder Punkt in unserem Universum eindeutig bestimm- und definierbar, wenn sie darauf so Wert legen. Nichts Besonderes also.
Gleiches gilt auch für das Material. Alles was sie hier sehen besteht aus dem gleichen Stoff – Prim. Es unterscheidet sich nur in Form, Textur und programmiertem Verhalten.

RR:
Programmiertem Verhalten?

VA:
Ja – das legt fest was das Objekt kann, wie es sich verhält. Es definiert das Objekt. macht es unterscheidbar und legt ihm sozusagen eine Funktion auf. Es beschreibt die Funktion, inhaltlich aber auch wörtlich – es ist alles textbasiert hier.

RR:
Eine Welt aus Text?

VA:
Ja, aus Text, Prims und Energie. Daraus ist diese Welt erschaffen. Sie ist übrigens auch nicht unendlich und hier ist schon gar nicht alles möglich, wie ich schon oft gehört habe. Alles läuft nach genauen Regeln. Es gibt keine Grauzone – entweder etwas funktioniert in der beabsichtigten Weise oder eben nicht. A bissl - gibts nicht. Null Fehlertoleranz, sozusagen. Glaube das ist ein großer Unterschied zu ihrer Welt!

RR:
Stimmt, Gott sei dank. – Ebenso wie, dass bei uns die Funktionen und Eigenschaft in den Objekten inne wohnen. Ein Tisch unterliegt immer der Schwerkraft, er ist niemals durchgehbar und kann schlecht zum fliegenden Vogel werden. Bei uns sind die Eigenschaften eng an die Objekte gebunden, fast könnte man sagen sie sind eins.

 
   
     
   
     
  Abb.: Geschäfte in Second Life   Abb.: Architectural Prototyping  
 

VA:
Das ist ein relevanter Unterschied. Hier im Cyberspace gibt es diese strenge Koppelung nicht – alles kann alles sein, ich muss es nur den Quelltext umschreiben sozusagen. Soll ich es ihnen zeigen?
[Joe Carlos lässt vor seinen Füßen einen Block entstehen, tippt heftig in der Luft herum, wobei er die Arme unmenschlich verdreht und der Würfel beginnt plötzlich wie ein Vogel herumzufliegen.]

RR:
Beeindruckend. Aber mal ehrlich wieso sieht dann fast alles hier so aus wie eine schlechte Kopie aus unserer Welt? Es könnte doch alles anders sein. Wie ist ihre Meinung als Designer dazu?

VA:
Es ist in der Tat eine schlechte Kopie. Und das scheint mehrere Gründe zu haben. Zunächst schaut wohl jedes neue Medium so aus wie ein alter Bekannter. Der erste Computer wie ein Hybrid aus TV und Schreibmaschine. Und virtuelle Architektur wie reale Architektur. Die Menschen die uns Avatare steuern kennen nichts anderes und selbst wenn sie Architekten sind, benutzen sie unsere Welt noch nach alten Strategien. Sie haben noch nicht begriffen welche Möglichkeiten die Programmierung bietet, was es bedeutet in einem reaktiven System, in einer reaktiven Umgebung zu arbeiten und diese zu nutzen. Sie müssen Planer, Programmierer und Teil dieser virtuellen Welt werden und dabei vielleicht auf ihren Genieanspruch verzichten. Sie müssen lernen Algorithmen einzusetzen, Systeme zu verlinken, dynamische Prozesse zu erdenken und zu begleiten, anstatt einfach schöne Objekte zu entwerfen. Da wird sich noch viel verändern müssen.

RR:
Schöne Worte, aber wenn ich durch ihre Welt fliege sehe ich von all dem noch nichts. Glauben sie wirklich an eine neue Architektur oder gar einen neuen Architekten?

VA:
Die Menschen die uns Avatare steuern sind ja bereits räumliche Wesen. Das bedeutet sie sind ein Leben in einem 3D Raum gewöhnt und das was sie kennen bauen sie nach. Sie können ja nicht ihren Körper verlassen, sie brauchen uns Avatare als Interface in unsere Welt. Klingt stupide ist aber von hoher Bedeutung – virtuelle Welten müssen an menschliche Seins Bedürfnisse angepasst werden um überhaupt verstanden zu werden oder anders gesagt die virtuelle Umgebung muss menschliche Bedürfnisse, wie z.B. die Kommunikation, menschlich annehmbar unterstützen, genau wie die Architektur in ihrer Welt.
Es ist aber wirklich bemerkenswert, dass so viele Konzepte aus der realen Welt in die virtuelle übertragen werden. Auch hier in Second Life muss man z.B. Grund besitzen um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Diesen Grund beginnen nun schon einige zu schützen – durch Architektur. Man könnte aber auch die Theorie aufstellen, Menschen brauchen ein Heim oder zumindest ein Zelt von dem oder mit dem sie die Welt erkunden. Und diesen Ort gestalten sie so wie sie es gerne haben. Wir leben also immer an Orten, wir arbeiten an Orten, wir treffen Menschen an Orten usw. Diese Orte müssen eben diese unterschiedlichen Funktionen ermöglichen.

 
     
   
     
 

Abb.: Open Croquet Project

  Abb.: Interactive Sculpture in Second Life  

RR:
Der Raum als Ort sozialer Praktiken? Aber löst sich nicht gerade der Ort als Bedeutungsträger in der Architektur auf?

VA:
Ich kann nur für den Cyberspace sprechen: Ja und nein. Ja, weil der virtuelle Raum ermöglicht wird durch eine Technologie die keinen Ort kennt – das Internet. Nein, da der virtuelle Raum nun wieder einen Ort schafft, also wertet sie ihn ja schon wieder auf. Der virtuelle Raum dient ja manchen Menschen als Ersatz-ort da sie eben räumlich getrennt sind. Sie treffen sich lieber hier um zu kommunizieren, als nur miteinander zu sprechen oder sich per Bildübertragung zu sehen. Sie nutzen einen virtuellen Raum der ihnen ein echtes Ortsgefühl gibt. Also keine barocke trompe l’oeil Lösung im Sinne von Täuschung, sondern eher eine Simulation die versucht den Raum erlebbar zu halten. Da haben wir viel aus der Branche der Computerspieldesigner gelernt, die wissen ganz genau wie ein virtueller Raum gebaut sein muss, sodass der Spieler ihn akzeptiert. Zu abstrakte Umgebungen werden nicht angenommen, sind sie auch noch so ästhetisch, aber vielleicht ist das nur in der Übergangsphase so und die Menschen werden sich an abstrakte Raumkonfigurationen schnell gewöhnen, gerade dann wenn sich ihre und meine Welt, also die reale und die virtuelle Welt beginnen zu überlagern.

RR:
Das wird aber sicherlich noch dauern. Im Moment scheint ja die Fachwelt erst einmal auf den Niedergang ihrer virtuellen Welt zu warten. Belastet sie das?

VA:
Ganz und gar nicht. Der Cyberspace ist im Massenpublikum angekommen sozusagen. Jetzt passiert das was mit allen neuen Medien gemacht wird. Man lobt sie in den Himmel um sie gleichzeitig zu verdammen. Man hat ja auch noch gut den Crash des Internetbooms im Gedächtnis. Gleichzeitig orientieren sich die Eliten der Wissenschaft, Philosophie oder Kunst natürlich nach vorne, was ja auch ihre Aufgabe ist. Vieles was sie prophezeit haben ist eingetreten, vieles aber ganz anders. Denken sie an die großen Debatten über das Interface – heute benutzten Millionen von Menschen ganz einfach einen Bildschirm, eine Maus und die Tastatur – mehr ist nicht nötig. Keine Rede mehr vom virtuellen Datenhandschuh oder dem CAVE. Oder die Debatte der Mensch Maschine Kommunikation. Wen interessiert es sich mit einer Maschine zu unterhalten. Menschen wollen Menschen treffen, sich unterhalten, arbeiten, Sex haben oder was auch immer. Ich bin Architekt und habe gelernt mit dem zu arbeiten was da ist. Das ist mein Material mit dem ich zurecht kommen muss und das ist gut genug im Moment. Es wird sich auf jeden Fall in den nächsten Jahren zeigen in welchen Bereichen es Sinn macht hier in virtuellen Räumen weiter zu leben oder zu arbeiten und in welchen nicht. Ich bin sehr optimistisch was meine Zukunft betrifft.

RR:
Herr Carlos, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Das Gespäch führte Jochen Hoog und RR. Wien, Neubau am 20.03.2007

 
 
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